fit und munter - Neues Programm hilft, die Sicht auf den Schmerz zu verändern

fit und munter

Neues Programm hilft, die Sicht auf den Schmerz zu verändern


Schmerzen sind für andere nicht sichtbar. Aber
sie verändern das Leben Betroffener massiv. "Chronischer Schmerz ist
ein eigenständiges Krankheitsbild, das oft von der Außenwelt
missverstanden wird.", bestätigt die Ergotherapeutin Lisa Käßmair,
DVE (Deutscher Verband der Ergotherapeuten e. V.), weswegen Menschen
mit chronischen Schmerzen häufig diskriminiert werden und es zu einer
Stigmatisierung kommt. Wer dauerhaft Schmerzen hat, verändert sein
Verhalten im Alltag oft unbewusst. Ergotherapeuten, die Spezialisten
für Handlungsfähigkeit im Alltag sind, haben ein Programm entwickelt,
um Schmerzpatienten aus dieser Negativspirale heraus und in mehr
Aktivität hinein zu helfen.

Akuter Schmerz ist ein Warnsignal des Körpers, chronischer Schmerz
hingegen bedarf einer spezifischen Behandlung. Denn der Umgang mit
Schmerzen, auch wenn sie dauerhaft sind, beruht meist auf
Überzeugungen oder Verhaltensweisen, die die Betroffenen schon als
Kind gelernt haben. "Der weit verbreitete Ansatz, Schmerzen zu
ignorieren ist eine ebenso schlecht funktioniere Lösungsstrategie wie
alle Aktivitäten zu vermeiden, die Schmerzen hervorrufen könnten.",
weiß Lisa Käßmair. Die Ergotherapeutin war maßgeblich an der
Übersetzung der Erweiterungsmaterialien für chronische Schmerzen zum
Programm ''Handeln ermöglichen, Trägheit überwinden'' beteiligt. Sie
erklärt weiter "Die Schmerzen verschwinden bei den Wenigsten
vollständig. Im Programm geht es darum, die bisherige
Lösungsstrategie zu reflektieren. Und Schritt für Schritt bessere
Wege zu finden, die Bandbreite unterschiedlicher Aktivitäten
auszuweiten, dadurch den Fokus umzulenken und dem Schmerz einen
anderen Stellenwert zu geben."

Ergotherapeutische Aufklärung: Schmerz hat viele Dimensionen

Das Programm bietet unter anderem eine Reihe von Informations- und
Arbeitsblättern, die Ergotherapeuten bei ihrer psychoedukativen
Arbeit unterstützend einsetzen, um wissenschaftliche Aspekte so zu
vermitteln, dass die Erkrankten sie leicht verstehen. Warum ist das
so wichtig? Oft haben Schmerzpatienten einen langen Leidensweg hinter
sich, wollen schon gar nicht mehr über "ihr" Thema, den Schmerz,
sprechen - sie wissen ja, es hat in der Vergangenheit ohnehin nicht
geholfen. Die einfühlsame Arbeit von Ergotherapeuten trägt dazu bei,
dass sie sich wieder angenommen, ja verstanden fühlen. Und sich
öffnen. Die Schmerzpatienten erfahren zunächst, wie Schmerz
''funktioniert'', welche Dimensionen er hat. Bereits durch das neu
erworbene Wissen, das bessere Verständnis und die Erkenntnis, dass
sie selbst auf den weiteren Verlauf Einfluss nehmen können,
korrigieren sich viele Grundeinstellungen, lösen sich Mythen. Ein
nächster Schritt ist, sich die Aktivitäten im Alltag anzuschauen. Wie
sieht der Tag aus, wie die Woche, bei welchen Aktivitäten spielt der
Schmerz eine Rolle? Wie steht es um tägliche Routinen und die
Schlafhygiene? Welche Denkmuster beeinflussen den Schmerz? Denn es
geht darum, eine individuell passende Lösungsstrategie zu finden, um
den Patienten zu ermöglichen, Aktivitäten aus allen Bereichen, die
ihnen wichtig sind, wieder nachzugehen. Wieder eine Lebensqualität
herbeizuführen.

Aktivitäten wiederbeleben: Erfolge selbst bei schweren Fällen

Käßmair zeigt am Beispiel einer Patientin mit Fibromyalgie - das
ist ein Ganzkörperschmerz, der sich an unterschiedlichen Stellen im
Körper manifestiert - welche Erfolge ihre ergotherapeutische
Intervention sogar bei solch schweren Fällen erzielen kann. "Ich
arbeite bei Schmerzpatienten mit Pacing. Das ist eine schrittweise
Belastungserhöhung bei einzelnen Aktivitäten.", erläutert die
Ergotherapeutin Käßmair ihr Vorgehen. Bei Patienten, die schon sehr
lange leiden, kann das durchaus bedeuten, dass sie die Aktivität
zuerst visualisieren, sich vorstellen, wie sie der Aktivität
nachgehen. Dabei ist es wichtig, dass die Patienten die Belastung
immer nur so weit steigern, dass es dem System möglich ist, die
Aktivität wieder zu erlernen, ohne dabei Schmerz zu empfinden. "Diese
Methode hat der besagten Patientin mit Fibromyalgie geholfen, weitere
Schritte zu gehen. Sie hat vor ihrer Erkrankung leidenschaftlich
gerne getanzt. Und sich wegen ihrer Schmerzen nicht nur von der
Aktivität selbst, sondern auch aus dem Freundeskreis, mit dem sie
diesem Hobby nachgegangen ist, zurückgezogen.", beschreibt die
Ergotherapeutin die sozialen Auswirkungen, unter denen
Schmerzpatienten zusätzlich zu ihren körperlichen Beschwerden häufig
leiden. Den sozialen Rückzug rückgängig zu machen, fällt nicht
leicht. Ergotherapeuten überlegen sich daher mit ihren Patienten
gemeinsam, wie Kontakte wiederhergestellt werden können. Wie
Gesprächseinstiege, ja ganze Gesprächsverläufe aussehen können. Auch
der an Fibromyalgie erkrankten Patientin ist es so gelungen, wieder
in ihren Freundeskreis zurückzukehren, ihre Lebensqualität deutlich
zu verbessern und bereits dadurch dem Schmerz weniger Raum und eine
geringere Bedeutung in ihrem Leben zu geben.

Aktivitäten analysieren: Muster und Zusammenhänge bewusst machen

Ein erfülltes, zufriedenes Leben haben nur diejenigen, bei denen
die Aktivitäten des Alltags weitgehend ausgeglichen sind, also eine
Work-Life-Balance stattfindet. Meist ist es so, dass Menschen, die
beeinträchtigt sind, als Erstes die Aktivitäten aus ihrem Alltag
verbannen, die einfach nur Spaß machen oder der Erholung dienen. Die
Pflichten stehen an vorderster Stelle. Dieser Ansatz ist jedoch
falsch. Besteht der Alltag irgendwann nur noch aus energiezehrenden
Aktivitäten, laufen die Energiereserven ins Minus. Frust und
Unzufriedenheit machen sich breit. "Ein Arbeitsblatt befasst sich mit
den täglichen Aktivitäten der Patienten. Die Zeit, die sie jeweils
für die Bereiche Produktivität/Arbeit, Selbstversorgung, Erholung und
Freizeit aufbringen, wird in einem Balkendiagramm ausgewertet.", so
die Ergotherapeutin Käßmair. Diese Form der Analyse macht den
Patienten meist erst bewusst, wie schlimm die Schieflage ist. Und ist
ein probates Gegenmittel gegen das auch bei Schmerzpatienten
unangebrachte, aber weit verbreitete schlechte Gewissen,
energiebringenden Aktivitäten wie Hobbys ebenso nachzugehen, wie
Pflichten zu erfüllen.

Informationsmaterial gibt es bei den Ergotherapeuten des DVE
(Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V.); Ergotherapeuten in
Wohnortnähe auf der Homepage des Verbandes im Navigationspunkt
Service und Ergotherapeutische Praxen, Suche. Das Programm
"Chronischer Schmerz" ist im Schulz-Kirchner Verlag erhältlich.



Pressekontakt:
Angelika Reinecke,
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit des DVE e.V.
Telefon: 033203 - 80026,
E-Mail: a.reinecke@dve.info

Original-Content von: Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V., übermittelt durch news aktuell
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