fit und munter - Stottern - ein gut erforschtes Phänomen / Interview zum Welttag des Stotterns am 22.10.2014 mit Dr. Patricia Sandrieser

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Stottern - ein gut erforschtes Phänomen / Interview zum Welttag des Stotterns am 22.10.2014 mit Dr. Patricia Sandrieser




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Am 22. Oktober 2014 ist der Welttag des Stotterns. Die Logopädin
und Stotterexpertin Dr. Patricia Sandrieser gibt Auskunft darüber,
was die Wissenschaft über dieses Phänomen des unflüssigen Sprechens
bisher herausgefunden hat.

Wann tritt Stottern erstmals auf und wie häufig ist es?

Sandrieser: Stottern beginnt typischerweise zwischen dem 2. und 5.
Lebensjahr. Statistisch gesehen beginnen Kinder mit 2.8 Jahren zu
stottern. Weltweit stottern etwa 70 Millionen Menschen, das
entspricht einem Prozent der Bevölkerung. Europäischen Studien
zufolge sind ungefähr 5% aller Kinder davon betroffen.
Erfreulicherweise überwinden ca. 75% der Kinder das Stottern bis zur
Pubertät ohne Therapie.

Wie gut ist das Stottern heute erforscht?

Sandrieser: Beim Thema Stottern verfügen wir heute über eine sehr
breite Erkenntnisbasis. Da Stottern bei den Betroffenen in allen
praktizierten Sprachen vorkommt, können wir Erkenntnisse von
Wissenschaftlern aus aller Welt unabhängig von der jeweiligen Sprache
nutzen. Dies unterscheidet die Forschungen zum Phänomen des Stotterns
beispielsweise von wissenschaftlichen Studien zur Erforschung der
Kindersprache, deren Ergebnisse aufgrund der grammatikalischen
Unterschiede in den verschiedenen Sprachen oft nicht übertragbar
sind. Diese "Universalität" des Stotterns ermöglicht Stotterexperten
übrigens, diese Sprechstörung auch in Sprachen festzustellen, die sie
selbst nicht beherrschen.

Was ist über die Ursachen des Stotterns bekannt?

Sandrieser: Die Ergebnisse der genetischen Forschung unterstützen
die Meinung, dass Stottern genetisch bedingt ist. Dies ist für viele
Eltern eine große Entlastung, denn Stottern wurde lange Zeit
fälschlicherweise in eine Reihe mit psychischen Erkrankungen gestellt
oder als Erziehungsfehler betrachtet. Seit die genetische Disposition
geklärt ist, konzentriert sich die Forschung vor allem auf Fragen,
die dazu dienen, möglichst effektive Behandlungswege zu finden:
Welche Faktoren beeinflussen den Verlauf des Stotterns (Wer hört von
selbst wieder zu stottern auf?). Welche Effekte hat welche Therapie?
Welche positiven Erfahrungen werden in der Diagnostik und
Erstberatung gemacht (best practice)?

Was können Logopäden für betroffene Kinder tun?

Sandrieser: Die meisten Kinder mit stottertypischen
Sprachunflüssigkeiten überwinden diese ohne Therapie. Hier ist es vor
allem wichtig, die Eltern über die Hintergründe dieses Phänomens gut
zu informieren, damit sie ihr Kind unterstützen können und die
Umgebung sensibilisiert wird. So kann vermieden werden, dass für das
Kind zwischenzeitlich psychische Belastungssituationen entstehen, die
gravierende Folgen haben können. Die Kunst der logopädischen
Diagnostik besteht darin, eine Risikoabschätzung vorzunehmen und
festzustellen, ob eine Indikation für eine logopädische Therapie
vorliegt. Dafür ist es notwendig, eine Spontansprachprobe zu erheben,
die Anzahl und Qualität der Stotterereignisse zu bestimmen und den
bisherigen Verlauf vor dem Hintergrund der sonstigen
(Sprach-)Entwicklung zu beurteilen. Wichtig ist dabei auch, ob das
Kind mit sogenannten Begleitsymptomen (Zeichen von Anstrengung oder
Anspannung, Mitbewegungen etc.) oder mit psychischen Reaktionen
(Angst zu sprechen, Rückzug, Frustration) auf das Stottern reagiert.

Kann man Stottern heilen?

Sandrieser: Für das frühe Kindesalter liegen bewährte
Therapiekonzepte vor, die bis zu 90% der Patienten helfen können.
Allerdings kann keine bekannte Therapie für sich in Anspruch nehmen ,
jeden Stotternden zu heilen. Das bedeutet, dass auch bei optimaler
Versorgung nicht alle Stotternden nach der Therapie völlig frei von
Symptomen sind. Daher muss eine seriöse Stottertherapie immer auch
darauf abzielen, dass die Betroffenen sich ggf. auf ein Leben mit dem
Stottern einstellen können. Ich betreue immer wieder Jugendliche, die
nach einer Therapie zwar nicht völlig symptomfrei sind, die sich aber
als kompetente Gesprächspartner verstehen und wissen, dass sie
jederzeit alles sagen können, was sie wollen. Sie sind
Klassensprecher und leiten Pfadfindergruppen und haben nicht (mehr)
das Gefühl, dass das Stottern ihr Leben bestimmt.

Zur Person: Dr. phil. Patricia Sandrieser ist Mitautorin des
Buches "Stottern im Kindesalter". Seit 2005 ist sie Leiterin der
Abteilung für Logopädie und therapeutische Leiterin der CI-
Rehabilitation am Katholischen Klinikum Koblenz.



Pressekontakt:
V.i.S.d.P.: Claudia Breuer, Deutscher Bundesverband für Logopädie,
Augustinusstraße 11a, 50226 Frechen. Weitere Informationen: Margarete
Feit, Tel.: 02234/37 95 327, Fax: 02234/37 95 313,
E-Mail: presse@dbl-ev.de, Internet: www.dbl-ev.de
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